Daniel

“AUF JOSEPH FOLGT DANIEL.” Es war eine gute Idee von den vielen Mitwirkenden der schon fast legendären „Joseph“-Tournee 1999/2000: Zusammenbleiben und mit einem neuen Stück weitermachen! Dafür schien das Rockmusical über den Propheten Daniel aus der Werkstatt des Seligenstädter Kantors Thomas Gabriel geeignet zu sein (den Text hatte Eugen Eckert von der Gruppe Habakuk beigesteuert). Nach fast einjähriger Probenarbeit war am 2. Juni in der Lengfelder Kirche Premiere. Schon in den ersten Proben hatte sich das gut eineinhalbstündige Werk als wesentlich schwieriger herausgestellt als Webbers eingängiges Song-Opus. Gabriel verlangt Chor und Solisten einiges an stimmlicher Virtuosität ab,  er geht bisweilen hart an die Grenzen der Tonalität oder auch darüber und verwendet melodramatische Abschnitte, in denen exakt zur Musik gesprochen werden muß – all das übrigens, ohne über die Köpfe der Zuhörer hinwegzukomponieren. Hier zeigte sich ein großes Plus des Ensembles: die hervorragende Teamarbeit – denn von einer Person alleine wäre der Riesenberg an Einstudierungsarbeit nicht zu bewältigen gewesen. Das soll nicht Ralph Scheiners dirigentische Leistung schmälern, der in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung in Bezug auf Schlagsicherheit und Tempobeherrschung genommen hat, sondern die Chorarbeit von Ulla Hanel-Neu und den 40 engagierten und stimmlich sehr sicheren Sänger würdigen, die zum Teil zusätzlich solistische und tänzerische Aufgaben übernommen haben.

Die Solisten hier alle nennen zu wollen, würde diesen Artikel zu einer endlosen Namensaufzählung verkommen lassen. Stellvertretend seien hier nur Gerald Bergauer in der Titelrolle erwähnt, mit seiner sicheren Stimmführung und seinem ruhigen Auftreten eine Idealbesetzung für diese Partie. Die drei Könige Nebukadnezar (Lukas Geißler), Belsazar (Roland Reichert) und Darius (Jan-Eric Büchler) zeigten gekonnt abschreckend Machtgier und Arroganz bis hin zu Belsazars alkoholseliger Debilität

Aber auch Daniels Gefährten, die Wahrsagerinnen und zwei schleimige Intrigantinnen wurden in professioneller Manier dargestellt. Eine Besonderheit bot Frank Pospischil, der den unterwürfigen Palastwächter als veritabler Falsettist darsstellte – besser konnte man diese Rolle eigentlich nicht charakterisieren. Wolfgang Bodensohn als Erzähler bot mit ruhiger  Sprechstimme einen bewußten Kontrapunkt zur fetzigen, dramatischen Musik.

Ursprünglich wurde „Daniel“ mit reiner Rockband komponiert und in dieser Form auch schon erfolgreich aufgeführt. Wolfgang Buchingers Vier Mann-Band gab auch dieser Einstudierung in hervorragender Abstimmung mit dem Dirigenten rhythmische Sicherheit und den nötigen Drive. Nur – was wäre aus dem schon bei „Joseph“ bewährten Orchester geworden? Also schrieb Scheiner so ganz nebenbei noch ein ausgefeiltes Orchesterarrangement für die in der Besetzung an eine Big Band erinnernde Gruppe. Das tat dem Werk gut – die zahlreichen Klangfarben von Trompete bis Saxophon, von Querflöte bis Violine boten zusätzliche Hörakzente und erlaubten eine noch eindringlicher Textdeutung und Personencharakteristik. Oliver Meseth hatte das Ensemble bestens auf die schwierige Aufgabe eingestellt.

Vom musikalischen und inhaltlichen Gewicht her würde das Musical durchaus eine oratorische, also rein konzertante Aufführung vertragen. Das wäre in der schönen, aber nicht eben großen Lengfelder Kirche sicherlich die bequemste Lösung gewesen. Scheiner und sein Team machten aber aus der Not eine Tugend und realisierten auf den wenigen zur Verfügung stehenden Quadratmetern eine halbszenische Fassung, die es in sich hat: Phantastische Kostüme (Helmut Spindler), eine ebenso agile wie hübsche Tanzgruppe, eine raffinierte Lichtregie (Thorben Pullmann), eine gut einstudierte Statisterie und einige verblüffend einfache wie wirkungsvolle Tricks (so die Darstellung der Schrift an der Wand von Belsazars Palast) bieten so viel für´s Auge, das es bedauerlich wäre, hätte man darauf verzichtet.

Sympathischer weise wurden weder im Programmheft noch nach der Premiere die zahlreichen Backstage-Helfer vergessen, ohne die eine Produktion dieser Größenordnung und Qualität nicht einmal annähernd möglich wäre. Vergessen wurde auch der Mann nicht, dessen Visionen, Tatkraft und Organisationstalent sowohl „Joseph“ als auch „Daniel“ erst zum Leben erweckt haben: Pfarrer Helmut Spindler, der Lengfeld im Sommer verlässt, aber auch von seinem neuen Wirkungsort aus mit dem Ensemble „Musical Factory 65853“ verbunden bleiben wird. Es wäre schön, wenn auf die zweite Produktion weitere folgen und noch sehr, sehr oft Kirchen und Konzertsäle der Region bis auf den letzten Platz von Menschen gefüllt würden, welche diese Art Verkündigung mit minutenlangen „Standing Ovations“ feiern. (U. Pietsch, gekürzt, Juni 2002)